Q U A L I T Ä T S Z Ü C H T U N G   B E I   R A P S

 

Reinhard Neugschwandtner

 

Seminararbeit im Rahmen der Vorlesung Ölpflanzen - Züchtung, Anbau, Verwertung im Wintersemester 2002/2003

Wien, 12. Dezember 2002

 

Einleitung

 

Raps (Brassica napus) gehört zusammen mit den mit ihm verwandten kreuzblütigen Kulturarten, wie Rübsen (Brassica rapa) und Sarepta- bzw. Braunsenf (B. juncea) zu der sogenannten Rapssaat (engl. rapeseed, franz. colza). Weltweit nimmt Rapssaat nach Sojabohnen, Baumwollsaat den dritten Platz in der Ölproduktion ein. In Mittel- und Nordeuropa ist Raps die wichtigste ölliefernde Pflanze.

 

Nimmt man den Ertragsanstieg als Maß für den Zuchtfortschritt, so war dieser in den letzten Jahren deutlich geringer als bei unseren selbstbefruchtenden Getreidearten und auch beim Mais. Gründe hierfür liegen im über die Jahre stark wechselnden Interesse am Raps und an den zuchtmethodischen Unsicherheiten, die sich aus der partiellen Fremdbefruchtung ergeben. Lange Zeit haben wenige Sorten, beispielsweise „Lembke´s Winterraps“ (seit 1921) den Anbau bestimmt.

 

Zuchtmethoden

 

Der übliche Zuchtgang bei Raps ist die klassische Stammbaummethode. Raps ist ein „Selbstbefruchter mit partieller Fremdbefruchtung“, die je nach Sorte und Literatur zwischen 5 - 15 bzw. 15 – 35 % und bis zu drei Viertel angegeben ist, wobei zwischen den einzelnen Pflanzen und Linien beinahe jeder Wert zwischen 0 und 100 % Fremdbefruchtung erreicht werden kann. Reine Liniensorten sind neben Populationssorten möglich, da Raps bei Selbstung oft keine Inzuchtdepression zeigt. Die Liniensorten können aus einem einzigen homozygoten Genotyp bestehen und sich durch große Homogenität und Unterscheidbarkeit auszeichnen. Erzwungene Selbstungen können jedoch in verschiedenem Ausmaße Inzuchtdepression hervorrufen und so nach anschließender Kreuzung Heterosiseffekte erwarten lassen.

 

Voraussetzung für die Qualitätszüchtung ist das Auffinden bestimmter Mutanten, wie es beispielsweise die spontan entstandenen Genmutationen für Erucasäure und Glucosinolatarmut waren. Die Qualitätszüchtung begann mit der Entdeckung der erucasäurefreien Mutante „Liho“ 1960 in Kanada und der glucosinolatfreien Rapssorte „Bronowski“ 1967. Beide Merkmale wurden in Sommerrapsformen gefunden, sie mussten also noch durch systematische Rückkreuzung mit Winterraps in die bei uns üblichen Winterformen übertragen werden.

 

 

Ziele der Qualitätszüchtung:

 

- 0-Sorten

 

Durch das Einkreuzen der erucasäurefreien Mutante konnten die sogenannten „0 – Sorten (zero – erucic) geschaffen werden. Diese Erucasäurefreiheit geht auf zwei Gene zurück. So konnte der Anteil der langkettigen Erucasäure (C22:1) von über 50 auf 0,3 % des Fettsäuregehaltes gesenkt werden.

 

Dies ist der Grund für die ernährungsphyisologisch hohe Qualität des heutigen Rapsöles, haben doch Fütterungsversuche bei Ratten in den 50er Jahren ergeben, das hohe Erucasäuregehalte im Rapsöl verminderte Futteraufnahme, gehemmtes Wachstum und histopathologische Veränderungen in verschiedenen Organen verursachen.

 

Mithilfe eines umfangreichen „Screeningprogramms“ (systematisches Selektieren in vielen verschiedenen Sorten und Herkünften) konnten 1960 in der deutschen Sorte „Liho“  einige Körner, welche erucasäurefreies Öl aufwiesen, gefunden werden. Diese wurden mithilfe der Halbkorntechnik analysiert und weiter zu vollständigen Pflanzen herangezogen.

 

Die Züchtung dieser erucasäurefreien „0 – Sorten“ hat den Anbau von Raps revolutioniert.


- 00-Sorten

 

Rapsextraktionsschrot enthält rund 40 % Protein in der Trockensubstanz, das eine ernährungsphysiologisch gut ausgewogene Aminosäurezusammensetzung aufweist. Begrenzend für die Verwendung als Futter war in den alten Sorten der hohe Glucosinolatgehalt der Samen von bis zu 3 % der TS. Dieser hohe Gehalt kann zu einer schlechten Futternutzung und gesundheitlichen Schäden der Tiere führen.

 

Die Entwicklung glucosinolatarmer, sogenannter „00-Sorten“ bedeutete das zweite große Screeningprogramm für die Rapszüchtung. 1967 konnte man an der Universität Göttingen und in Saskatoon, Kanada zeitgleich die Ausgangsform für die Glucosinolatarmut aus der polnischen Sommerrapssorte „Bronowski“ selektieren. Dies geschah mit einer einfachen, für große Serien geeigneten Selektionsmethode: die Abspaltung der Glucose (Zuckerrest der Glucosinolate) wurde in wässriger Lösung mit Hilfe eines Glucoseteststäbchens analysiert.

 

Der in Kanada für 00-Qualität geprägte Begriff „Canola“ erhält zunehmend weltweite Verbreitung.

 

- Öl und Protein

 

Zwischen Öl- und Proteingehalt besteht eine signifikante negative Beziehung. Der Ölgehalt liegt bei 40 -44, der Eiweißgehalt bei 20 – 25 % in den Samen. Durch eine gleichzeitige Selektion auf Öl und Eiweiß ist ein weiterer Zuchtfortschritt möglich. Aufgabe des Züchters ist es hier, Korrelationsbrecher zu finden. Mittels der Nahinfrarot (NIR) – Spektroskopie können beide Gehalte in kurzer Zeit bestimmt werden, so können Samen mit einem hohen gemeinsamen Anteil an Protein und Öl selektiert werden.


- Ölgehalt

 

Der Ölgehalt unterliegt einer starken Umweltvariation, wobei Düngungsmaßnahmen, Saatzeitverschiebung und die Temperatur während der Abreife wichtig sind.  Die Erucasäure ist um 4 C- Atome länger als die Hauptfettsäure Ölsäure (C18:1). Aufgrund dieses stöchiometrischen Effektes war der Ölgehalt in den älteren, erucasäurehältigen Sorten um 2 – 4 % höher als im erucasäurefreien Qualitätsraps. Der Ölgehalt von 00-Sorten liegt im Mittel bei 40 – 44 % der TS, in ölreichen bei 46 -48 % der TS. Als Zuchtziel wird ein Gehalt von 48 – 50 % genannt.

 

Da Ölgehalt und Samenertrag nicht negativ korrelieren, ist mit einer weiteren Erhöhung des Samenertrages zu rechnen. Die Selektion auf hohen Ölgehalt ist sehr einfach. Zur Abtrennung der ölreichen Samen kann auch ihr Auftrieb in einer Saccharoselösung oder in einer anderen Lösung von geeigneter Dichte genutzt werden. Vor allem wird der Ölgehalt von Einzelpflanzen mithilfe eines Kernresonanz (NMR) – Spektrometers gemessen. Diese Analyse benötigt nur 2 -4 g Samen, benötigt nur wenige Sekunden und beeinträchtigt die spätere Aussaat nicht.


- Veränderung der Fettsäurezusammensetzung:

  

Linol- und Linolensäure

 

Rapsöl für die Ernährung benötigt ein verbessertes Polyenfettsäureverhältnis. Es muss der Anteil an Linolsäure (C18:2) erhöht werden, Linolensäure (C18:3) muss vermindert werden, da diese leicht oxidierbar ist. Die Linolensäure ist zwar als Bestandteil der Chloroplastenlipide unentbehrlich, eine Reduktion hat aber keinen ungünstigen Effekt auf die Samenentwicklung und den Ertrag gezeigt. Durch die Reduzierung der Erucasäure wurde der Anteil der ernährungsphysiologisch wichtigen Linolsäure (Vitamin F) bereits von 15 auf 20 % und auch der Anteil dreifach ungesättigter Linolensäure von 8 auf 12 % erhöht. Ziel war es nun, den Linolsäureanteil möglichst zu steigern und den Linolensäureanteil auf unter 3% zu bekommen, um Haltbarkeit und die thermische Stabilität beim Frittieren sicher zu stellen. Voraussetzung dafür wäre ein genetisches Ausgangmaterial gewesen, in dem die Linol- und Linolensäure unabhängig voneinander variieren. Da beide aus der Ölsäure entstehen, wären zwei voneinander unabhängige Desaturasen notwendig. Das war erst nach chemischen Mutationsversuchen an vorgequollenen Samen mit einem Ethylmethansulfat (EMS) bzw. nach Behandlung mit Röntgenstrahlung möglich. Durch Kreuzung von Mutanten konnte in Australien nahezu linolensäurefreie Linien mit nur 1,6 – 1,8 % Linolensäure und 30 % Linolsäure entwickelt werden.

 

High - Oleic Acic Rapeseed (HOAR)

 

Die Steigerung des Ölsäuregehaltes (C18:1) von 11 auf 80 % und somit die Erzeugung von „high oleic rapeseed“ (HOAR) war ebenfalls durch chemische Mutation möglich. Die Ölsäure gilt als ernährungsphyiologisch neutrale Fettsäure und genießt im Olivenöl hohes Ansehen.

 

Ein weiterer Weg ist die Gentechnik mittels der Hemmung der Desaturierung. Die Ölsäure –und Linolsäuredesaturierung wird durch verschiedene Gene reguliert. Es liegt daher der Schluss nahe, dass die mutagene Veränderung Gene betrifft, die die Desaturierung der Ölsäure zu Linolsäure regulieren.

 

High Erucic Acic Rapeseed (HEAR)

 

Eine neuerer Züchtungsansatz ist die Züchtung von Raps mit einem hohen Anteil an Erucasäure, high – erucic acic rapeseed (HEAR) für die Verwendung in der Oleochemie. Der natürliche Erucasäuregehalt liegt bei 45 - 50 %, was für die industrielle Nutzung zu wenig ist. Die biologische Grenze liegt hier bei 66 % Gehalt Erucasäure am Ölspektrum, da das Erucyl-CoA vom dazugehörenden Enzym nicht in die mittlere Position des Triglycerids eingebaut wird. Durch die Übertragung eines Genes aus der Wildpflanze Limnanthes douglasii hofft man jedoch, den Eurcasäuregehalt über 66 % steigern zu können.

 

- Gelbsamiger Raps

 

Die bereits vorher besprochene gleichzeitige Selektion auf Öl und Eiweiß geht vor allem zu Lasten der Rohfaser. Der Rohfaseranteil ist bei gelbsamigen Rübsenformen beispielsweise um 4,5 % niedriger. Der Schalenanteil von hellsamigen Rapssamen ist, verglichen mit schwarzsamigen, im Mittel um zwei Prozent geringer. Dadurch erhöht sich nicht nur der Gehalt an wertbestimmenden Inhaltsstoffen, sondern auch gleichzeitig die Qualität des Schrotes. Die Vererbung dieses Merkmales ist sehr komplex. Gelbe Samen entstehen nur, wenn an den drei dafür zuständigen Genloci der homozygot - rezessive Zustand vorliegt. Um hier schnell eine Reinerbigkeit zu erlangen, wird mit doppelhaploiden Linien (DH – Linien) und mit Inzuchtmaterial gearbeitet.

 

- Rohfaser

 

Rund 15 % des ölfreien Schrotes besteht aus Rohfasern, von denen der Großteil aus der Samenschale stammt, der wiederum aufgrund der geringen Größe des Samens 10 – 20 % des Samengewichtes ausmacht. Der hohe Gehalt an Rohfasern verringert die Verdaulichkeit. Sojamehl hat beispielsweise nur 7 % Rohfaseranteil.

 

- Tocopherol

 

Tocopherol wirkt als natürliches Antioxidant und schützt in seiner Eigenschaft als Vitamin die Membranlipide vor Schädigung durch freie Radikale. So kann die Lagerfähigkeit und Haltbarkeit von Fetten und Ölen maßgeblich beeinflusst werden. Die Oxidierbarkeit von Fetten nimmt mit der Menge und dem Grad von ungesättigten Polyenfettsäuren zu. Ist nicht genügend antioxidativer Schutz vorhanden, führt dies zu einem Mangel an Vitamin E. Der Gehalt an Tocopherol im Öl ist sowohl genetisch determiniert, kann aber auch in erheblichem Maße durch die Umwelt determiniert werden. Bis dato wurde der Züchtung auf einen höheren Tocopherolgehalt wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Züchtung auf höhere Gehalte kann mittels klassischer Pflanzenzüchtung, in Form von Vererbungsstudien und der Schaffung von divergentem Ausgangsmaterial (es gibt a-, d- und g- Typen) und mittels Gentechnik erfolgen.


- Antinutritive Substanzen

 

Im Schrot befinden sich wertmindernde Inhaltsstoffe, wie Tannine (Polyphenole), Phytate und Sinapine, die die Verwendung für die tierische und menschliche Ernährung einschränken. Tannine beispielsweise mindern die Proteinverdaulichkeit und verursachen einen bitteren Geschmack.

 

 

Literatur:

 

Busch, H. (1994), Methoden für die Qualitätsanalyse in der OO-Winterrapszüchtung, Vortr. Pflanzenzüchtg. 30, S. 32-43.

 

Frauen, M. (1996), Öl- und Hülsenfruchtbau, in: Heyland, K.-U. (Hrsg.), Spezieller Pflanzenbau, Stuttgart.

 

Lühs, W., Baetzel, R. und W. Friedt (2000), Zur Kombinierbarkeit von hoher Saatgutqualität und wertvollen Korninhaltsstoffen bei Raps (Brassica napus): Möglichkeiten und Grenzen, Bericht über die 51. Arbeitstagung 2000 der Vereinigung österreichischer Pflanzenzüchter, BAL Gumpenstein, 21.-23. November 2000, S. 1-11.

 

Murphy, D. J. (1993), Designer Oil Crops – Breeding, Processing and Biotechnology, Weinheim.

 

Röbbelen, G. (1985), Raps (Brassica napus L.), in: Fischbeck, G., W. Plarre und W. Schuster (Hrsg.), Lehrbuch der Züchtung landwirtschaftlicher Kulturpflanzen, Band 2, Spezieller Teil, Zeite, neubearbeitete Auflage, Berlin, S. 289-303.

Rücker, B. und G. Röbbelen (1994), Züchterische Veränderungen der C18-Fettsäurezusammensetzung im Samenöl von Winterraps, Vortr. Pflanzenzüchtg 30, S. 45-57.

 

Seehuber, R. (1988), Gegenwärtiger Stand und Perspektiven der Körnerrapszüchtung, Landbauforschung Völkenrode, 38: 42-48.

 

Thies, W. (1994), Die wertbestimmenden Komponenten des Rapsschrotes, Vortr. Pflanzenzüchtg. 30, S 89-97.

 

Töpfer, R. (1994), Züchtung von Raps mit maßgeschneidertem Öl für neue Märkte, Vortr. Pflanzenzüchtg. 30, S. 58-68.